Kontroverse über Esssucht
Stoffabhängigkeitssyndrom – zentrale klinische und diagnostische Merkmale nach DSM-Klassifikation
Gemäß der Klassifikation psychischer Störungen im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung (APA) wird die Stoffabhängigkeit als eine Störung definiert, die durch einen zwanghaften Konsum psychoaktiver Substanzen gekennzeichnet ist – trotz klar erkennbarer negativer Folgen für die körperliche Gesundheit, soziale Beziehungen oder berufliche Leistungsfähigkeit. Die zentralen diagnostischen Kriterien nach DSM umfassen:
• Kontrollverlust über den Konsum (Einnahme der Substanz in größeren Mengen oder über längere Zeiträume als ursprünglich beabsichtigt, gescheiterte Versuche, die Dosis zu reduzieren, sowie ein übermäßiger Zeitaufwand für Beschaffung, Konsum oder Erholung von den Wirkungen);
• Soziale und berufliche Beeinträchtigungen (Vernachlässigung privater oder beruflicher Verpflichtungen zugunsten des Substanzkonsums, Abbau zwischenmenschlicher Beziehungen);
• Risikobereites Verhalten (Fortsetzung des Konsums trotz Kenntnis physischer oder psychischer Risiken, wie etwa Verschlimmerung vorbestehender Erkrankungen);
• Pharmakologische Indikatoren (Entwicklung einer Toleranz – d. h. Steigerung der Dosis zur Erreichung der gewünschten Wirkung – sowie Auftreten von Entzugssymptomen, die sowohl körperliche als auch psychische Beschwerden umfassen, sobald die Substanz nicht mehr regelmäßig konsumiert wird).
Obwohl die APA den Begriff "Nahrungsmittelsucht" (engl. food addiction) nicht als offizielle Diagnose anerkennt, wird er in diesem Kontext verwendet, um das Phänomen des exzessiven, zwanghaften Essverhaltens zu beschreiben. Es ist wichtig zu betonen, dass kompulsives Essen nicht mit einer Sucht gleichzusetzen ist. Studien von C. G. Long, J. E. Blundell und G. Finlayson zeigten jedoch, dass bei 56,8 % der Personen mit diagnostiziertem Binge-Eating-Verhalten Symptome auftraten, die denen einer stoffgebundenen Abhängigkeit ähneln. Die wissenschaftliche Literatur widmet sich zunehmend den Gemeinsamkeiten zwischen substanzbezogenen Süchten (gemäß DSM) und übermäßigem Essverhalten, darunter:
• Der Verlust der Selbstkontrolle über Menge und Häufigkeit der Nahrungsaufnahme;
• Wiederholte, erfolglose Versuche, bestimmte Lebensmittel zu reduzieren oder ganz zu meiden;
• Fortgesetztes Essen trotz negativer gesundheitlicher (z. B. Adipositas, Diabetes) oder psychischer Folgen (z. B. Schuldgefühle, depressive Verstimmungen).
In der fünften Auflage des DSM (DSM-5) wurde eine neue diagnostische Unterkategorie eingeführt: nicht substanzbezogene Störungen (non-substance-related disorders), die beispielsweise die Spielsucht umfasst. Übermäßiges Essen wurde jedoch nicht in diese Kategorie aufgenommen, da die empirischen Belege für einen suchtähnlichen Charakter bisher nicht ausreichen. Die Debatte über das potenzielle Abhängigkeitspotenzial von Nahrungsmitteln bleibt dennoch kontrovers. Ein aktuell anerkannter Messansatz zur Erfassung solcher Verhaltensmuster ist die Yale Food Addiction Scale (YFAS), die spezifisch entwickelt wurde, um Parallelen zu substanzbezogenen Abhängigkeiten zu identifizieren.
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